So klingt Springreiten auf dem CHIO Aachen
Barrieren abbauen und Sichtbarkeit schaffen: Mit einem neuen Angebot konnten erstmals blinde und sehbehinderte Menschen den CHIO Aachen miterleben. Eine erfolgversprechende Premiere.
Ein Bericht von Claudia Heindrichs | Aachener Zeitung vom 06.07.2025. Hier geht’s zum Originalbeitrag.

Wenn es um Barrierefreiheit geht, denken die meisten an die Inklusion von Menschen, die im Rollstuhl sitzen. Doch es gibt weitaus mehr Hindernisse, die bestimmte Gruppen von einer Teilhabe an Sport- und Kulturveranstaltungen ausschließen. Für weniger Barrieren in verschiedenen Bereichen hat der CHIO Aachen in diesem Jahr blinde und sehbehinderte Menschen in den Fokus gerückt: Der Preis der Städteregion und der Turkish Airlines-Preis wurden den Nutzerinnen und Nutzern erstmals wie bei einem Blindenradio live beschrieben, erklärt und somit auf besondere Art erfahrbar gemacht.
Und das kam bei den Gästen sehr gut an. Jenny – in der Gruppe ist man per Du – kann kaum etwas sehen. Sie ist jedoch großer Pferdesportfan und selbst Reiterin. Gemeinsam mit ihren zwei Kindern und einer Freundin hat sie das neue, auditive Angebot ausprobiert: „Es ist sehr cool“, sagt sie begeistert und fügt hinzu: „Ich glaube, ich brauche auch ein feuerrotes Jackett.“ Jenny strahlt. Endlich kann sie ein Reitsportereignis auf eine Art miterleben, die ihr unzählige Details mitliefert, wie eben die Farbe der Jacke einer Springreiterin, die soeben den Parcours fehlerfrei durchlaufen hat. Auf diese Weise kann sie sich ein umfassendes Bild vom Streckenverlauf, den Oxern und dem Duo auf vier und zwei Beinen machen. Zwar ist auch Töchterchen Svantje (6) eifrig dabei, die Mutter über alles in Kenntnis zu setzen, was sie sieht. Doch das Glück, eine so fachkundige Begleitung an der Seite zu wissen, haben eben nicht alle.
„Das ist doch kein Fuchs!“, sprudelt es fast schon empört aus der 6-Jährigen heraus. „Das ist ein Brauner.“ – „Woran erkennst du das?“, fragt Jenny. „Nur wenn die Mähne die gleiche oder eine hellere Farbe hat, ist es ein Fuchs“, erklärt Svantje. „Da hat sie recht“, sagt die Mutter und lacht. Für sie ist die Audiodeskription, die sie in Echtzeit auf ihr Headset empfängt, dennoch ein großer Mehrwert. „Genau so habe ich es mir vorgestellt. Einfach toll.“
„Pferdesport ist bei blinden und sehbehinderten Menschen sehr beliebt.“
Florian Eib
Mitgründer und Sprecher von HörMal Audiodeskription
Die Sprecherinnen dieses Angebots sitzen wenige Reihen vor Jenny: Tomke Koop und Pferdeexpertin Eefje Kruskop. Die beiden Frauen wechseln sich ab, beschreiben, was sie sehen, führen durch den Parcours, nennen die jeweilige Nation, die Namen von Pferd und Reiter, informieren über Zeiten, heruntergefallene Stangen und ergänzen Details. Obwohl alles Schlag auf Schlag geht, bewahren sie die Ruhe. Erklären ohne Hast. Bei jeder gerittenen Runde kommen neue Infos dazu. Selbst der sehende Zuhörer wird – sofern er als Begleitperson ein entsprechendes Headset erhalten hat – auf interessante Kleinigkeiten aufmerksam gemacht, die er sonst vielleicht gar nicht wahrgenommen hätte. Es scheint wie der Beginn eines Projektes, das beim CHIO Schule machen könnte.
Dabei ist das Turnier in Aachen nicht das erste seiner Art, das via Audiodeskription gehört werden kann. Seit vielen Jahren ist dies bereits auf der Partner Pferd Leipzig möglich, auch das Hamburger Derby und die Chemnitzer Pferdenacht wurden schon begleitet. Die Initiatoren sind die Gründer von „Hör Mal“-Audiodeskription, Tomke Koop und Florian Eib aus Leipzig, die auch den Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV) aktiv kontaktiert und ihr Konzept vorgestellt haben. Dort liefen sie offene Türen ein. Denn auch dem ALRV ist es ein Anliegen, die Barrieren beim Weltfest des Pferdesports kontinuierlich abzubauen und jedem, der mag, eine Teilhabe zu ermöglichen.

„Der CHIO wurde bei uns immer wieder angefragt“, erklärt Florian Eib. Wenn es nach ihm ginge, würde er das Angebot in den kommenden Jahren gerne ausbauen und auch eine Audiodeskription bei den Disziplinen Dressur und Vierspänner anbieten. „Pferdesport ist bei blinden und sehbehinderten Menschen sehr beliebt“, weiß er aus Erfahrung. Eib führt dies einerseits auf Behandlungen wie therapeutisches Reiten zurück. Andererseits ist der Kontakt zwischen Mensch und Tier immer ein besonderer, der einfach guttut. „Wenn das Hindernis fällt und du das Pferd vorbeitraben hörst, das sind Dinge, die kannst du zu Hause nicht auffangen. Das muss man vor Ort erleben.“
Bei 800.000 bis 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die eine Sehbehinderung haben, frage Eib sich oft, wo diese Leute alle sind. „Man sieht sie zu selten.“ Mehr Sichtbarkeit und Verständnis wünscht sich auch Jenny. „Es wäre toll, wenn Mitarbeiter von Veranstaltungen besser geschult werden, damit man sich nicht immer so störend vorkommt, nur weil man ein paar Fragen stellt.“ In bekannter Umgebung wisse sie sich mit ihrem Blindenstock zu helfen, sagt sie, nur in der Fremde oder bei neuen Gegebenheiten wie Baustellen, ist es schwierig. „Ich tanze Ballett, ich reite… Wo ist das Problem? Anfangs sind immer alle überrascht, wenn ich das erzähle.“ So wie dicke, dünne, große und kleine Leute zur Gesellschaft gehören, zählen eben auch blinde Menschen dazu.

Die rund 30-köpfige Gruppe, die am Mittwoch erstmalig das neue Angebot nutzte, wirkt zufrieden. „Es war sehr interessant“, sagt auch Tobias, der zum ersten Mal beim CHIO war. Beim vorherigen Gang durch das CHIO Village konnte er einiges lernen, zum Beispiel wie ein Sattel aufgebaut ist und was alles zu einem Halfter gehört. Unterschiedliche Materialien und Formen konnten er und seine Mitstreiter ertasten. „Zur Vorbereitung auf die Springprüfungen, falls wir da den einen oder anderen Fachbegriff nennen“, erklärt Sprecherin Tomke Koop, die Pferdesportneulingen den Einstieg erleichtern möchte.
Erlebnisreich, aber nicht überfordernd, lautet der eigene Anspruch an das Gesamtkonzept von „Hör Mal“-Audiodeskription. Dazu werden auch je nach Sport- oder Kulturart Experten herangezogen. Die Beschreibungen sollen schließlich einfach und inhaltlich dennoch auf hohem Niveau erfolgen. „Die Menschen sollen sich bei uns gut aufgehoben fühlen“, sagt Florian Eib. Er hofft nun auf eine gute Mund-zu-Mund-Propaganda. Denn wenn sich das Angebot herumspricht und viele es in Anspruch nehmen wollen, stehen die Chancen auf eine Erweiterung gut. Und wer weiß, vielleicht wird es irgendwann sogar ermöglicht, via App und eigenen Kopfhörern diverse Disziplinen während des CHIO Aachen via Audiodeskription zu verfolgen.