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SICHTBAR – Der Podcast

Barrieren in den Köpfen abbauen.

Seit Sommer 2020 pflegen wir einen eigenen Podcast. „SICHTBAR – Der Podcast“ ist unter anderem auf Spotify, iTunes und bei Google Podcasts zu finden. Mittlerweile sind extrem viele verschiedene Podcast-Formate auf dem Markt. Aber die Wenigsten befassen sich mit den Themen Menschen mit Behinderung und Barrierefreiheit. Wir glauben, dass es für eine soziale Gesellschaft wichtig ist, dass man auch darüber ins Gespräch kommt und auch im Gespräch bleibt.

In SICHTBAR – Der Podcast erzählen wir deshalb Geschichten und zeichnen Portraits von Menschen, die zum Beispiel selbst eine Behinderung haben. Außerdem treffen wir Engagierte, Vordenker, Kreative und andere Personen des öffentlichen Lebens, die sich für Barrierefreiheit und Inklusion einsetzen oder damit zu tun haben. Da wir uns in unserer Arbeit hauptsächlich mit dem Thema Sehbehinderung auseinandersetzen, steht „sichtbar“ – als Wortspiel – für die Idee, interessanten Persönlichkeiten Gehör zu verschaffen.

Wir nehmen gerne jederzeit Vorschläge für weitere Themen und Gesprächspartner auf. Unsere Folgen sind individuell gestaltet, weil unser Autorenteam aus Personen mit unterschiedlichen beruflichen Hintergrund besteht. Für Rückmeldungen jeder Art sind wir unter sichtbar@hoermal-audio.org zu erreichen.

Die blinde Strafverteidigerin Pamela Pabst in Robe und mit einer Akte unter dem Arm. Sie steht neben einem verzierten Treppengeländer. Verschwommen im Hintergrund ist ein Gebäude mit hohen Decken und weiten Torbögen. Pamela Pabst lächelt in die Kamera, Fotorechte: Metin Yilmaz.

SICHTBAR-Podcast: Deutschlands erste geburtsblinde Strafverteidigerin

„In meiner Arbeit kann ich einen Krimi lebendig werden lassen.“

Pamela Pabst ist die erste von Geburt an blinde Strafverteidigerin Deutschlands. In dem biografischen Buch „Ich sehe das, was ihr nicht seht – eine blinde Strafverteidigerin geht ihren Weg“ beschreibt sie in ihrer offenen und mitreißenden Art ihren Berufsweg. Mittlerweile gibt es mit einer bekannten Fernsehserie auch eine Verfilmung auf der Grundlage des Buches, bei der Pamela Pabst maßgeblich unterstützt. Constantin Sträter hat sich für unseren Podcast mit ihr getroffen.

Die blinde Strafverteidigerin Pamela Pabst in Robe und mit einer Akte unter dem Arm. Sie steht neben einem verzierten Treppengeländer. Verschwommen im Hintergrund ist ein Gebäude mit hohen Decken und weiten Torbögen. Pamela Pabst lächelt in die Kamera, Fotorechte: Metin Yilmaz.
Gerichtsgebäude haben Pamela Pabst schon als Jugendliche beeindruckt. Mittlerweile ist sie Juristin aus Leidenschaft, Fotorechte: Metin Yilmaz.

  • Transkript (PDF) – Folge: Deutschlands erste geburtsblinde Strafverteidigerin

„Vorwärts immer, rückwärts nimmer“

Pamela Pabst ist eine Frohnatur. Es war wohl eine glückliche Fügung, dass sie als 11-Jährige mit ihrer Mutter zu einem Anwalt ging, der ihre Leidenschaft für diesen Beruf weckte. Die Begeisterung für dieses komplexe und schwierige Feld hat die gebürtige Berlinerin nie mehr los gelassen. Und auch wenn das Studium aufgrund ihrer Sehbehinderung einige Herausforderungen bereithielt, schaffte sie ihr Examen und ging auch danach ihren beruflichen Weg konsequent weiter, immer mit dem Bewusstsein: „Man muss als behinderter Mensch schon sagen, was man braucht.“

Ihre kommunikativen Fähigkeiten nutzt Pamela Pabst heute auch in ihrer täglichen Arbeit mit Mandanten, die ihre empathische Art schätzen. In unserem Podcast sagt sie selbst: „Man sollte sich gut auf Mandanten einlassen, ein Gespür dafür entwickeln, was sie wollen. Man sollte sie auch mal trösten können und ihnen Mut zusprechen“. Als Strafverteidigerin gehe es ihr aber nicht darum, Leute ihrer gerechten Strafe zu entziehen. „In den meisten Fällen weiß ich sogar genau, dass Sie eine hohe Strafe zu erwarten haben.“ Es müsse aber trotzdem darum gehen, „alle Aspekte, die für einen Fall wichtig sind, auch einzubringen.“ So versteht Pamela Pabst ihre Aufgabe auch darin, einen geordneten Prozess überhaupt erst zu ermöglichen.

„Ich habe das als diskriminierend empfunden“

In dieser Podcast-Folge spricht Pamela Pabst auch über ihre größte persönliche berufliche Niederlage. Denn als blinder Mensch darf sie nicht als Strafrichterin arbeiten, was zu Beginn ihrer beruflichen Karriere ihr Traum war. Vierzehn Jahre später muss sie sich hingegen manchmal fast selbst kneifen, sagt Pamela Pabst. Denn sie hat sich als Strafverteidigerin durchgesetzt und es zu einer angesehenen Anwältin gebracht. Etwas ganz Besonders ist es, dass sie zudem an einer Fernsehserie im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm mitwirken darf.

Ein Portraitfoto zeigt die Schauspielerin Christina Athenstädt mit schulterlangen blonden gewellten Haaren. Sie hat den Arm um Pamela Pabst gelegt, die einen dunklen Blazer über einer weißen Bluse trägt und einen Blindenstock in der Hand hält. Beide lächeln, Foto: © ARD/Reiner Bajo - honorarfrei, Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter ARD-Sendung bei Nennung: »Bild: ARD/Reiner Bajo« (S2). ARD Programmdirektion/Bildredaktion, Tel. 089/590023879, mail bildredaktion@daserste.de.
Auch privat befreundet: Schauspielerin Christina Athenstädt (links) begleitet Pamela Pabst auch in privaten Situationen, um Gespür für ihre Rolle Romy Heiland zu bekommen, in der sie eine blinde Anwältin spielt, Foto: © ARD/Reiner Bajo.

In der Serie „Die Heiland – Wir sind Anwalt“ übernimmt sie das Coaching für die eigentlich sehende Schauspielerin Christian Athenstädt, die die blinde Anwältin Romy Heiland spielt. Pamela Pabst zeigt ihr unter anderem wie sie sich im Alltag bewegt. Gleichzeitig berät sie auch bei inhaltlichen juristischen Fragen, wodurch die Authentizität der Serie deutlich gewinnt. Und – Fans wird es freuen – die Dreharbeiten zur dritten Staffel laufen gerade.


Wir sprechen in unserem Podcast „SICHTBAR“ mit Menschen über Inklusion und Barrierefreiheit. Wir porträtieren Menschen mit Behinderung, weil wir mehr über ihr Leben, die Schwierigkeiten, aber vor allem auch die Möglichkeiten wissen möchten. Dabei sind wir jederzeit auch offen für Feedback zu neuen Interview-Gästen. Schreibt uns euer Feedback und Vorschläge gerne per Mail an sichtbar@hoermal-audio.org.

Wolf Schmidt und Tomke Koop stehen nebeneinander auf einem Blindenfußball-Feld und lächeln in die Kamera. Wolf Schmidt trägt einen dunkelgrauen Trainingsanzug und eine Basecap mit St. Pauli Schriftzug. Tomke hat eine Hand in der Tasche ihres Mantels mit der anderen Hand hält sie einen Blindenfußball hoch. Wolf Schmidt hat eine Hand hinter dem Rücken, mit der anderen zeigt er auf den Blindenfußball in Tomkes Hand. Foto: Florian Eib

SICHTBAR-Podcast: Hinter den Kulissen beim Blindenfußball

Hinter den Kulissen beim Blindenfußball

Eine neue Folge von SICHTBAR – Der Podcast mit Wolf Schmidt, der nicht nur ein kreativer Kopf, sondern auch der Trainer der Blindenfußball-Mannschaft vom FC St. Pauli ist. Anlässlich des anstehenden Finales der Blindenfußball-Bundesliga am 24. Oktober 2020 in Magdeburg hat sich Tomke Koop mit Wolf Schmidt in Hamburg getroffen, um ihn und seine Arbeit besser kennenzulernen. Schmidt spricht dabei nicht nur über seine Erfahrungen im Blindenfußball, sondern auch über seinen persönlichen Weg vom Kindesalter, Kreativität und die Anfänge der Blindenreportage bei St. Pauli. Viel Spaß beim Hören!

Wolf Schmidt und Tomke Koop stehen nebeneinander auf einem Blindenfußball-Feld und lächeln in die Kamera. Wolf Schmidt trägt einen dunkelgrauen Trainingsanzug und eine Basecap mit St. Pauli Schriftzug. Tomke hat eine Hand in der Tasche ihres Mantels mit der anderen Hand hält sie einen Blindenfußball hoch. Wolf Schmidt hat eine Hand hinter dem Rücken, mit der anderen zeigt er auf den Blindenfußball in Tomkes Hand. Foto: Florian Eib
Das anstehende Finale der Blindenfußball-Bundesliga hat Tomke Koop zum Anlass genommen, Wolf Schmidt, den Trainer der Blindenfußball-Mannschaft vom FC St. Pauli, zu treffen. Foto: Florian Eib

  • Transkript (PDF) – Folge: Blindenfußball-Trainer Wolf Schmidt

Vom Schüler in New York über die Land-WG bis zur Blindenreportage

Das Leben von Wolf Schmidt ist alles andere als eintönig. Seine ersten zwei Schuljahre verbrachte er in New York, da sein Vater dort für einige Zeit forschte. Nach diesen zwei Jahren ging es für die Familie wieder zurück nach Deutschland, wo Schmidt schon in der Schulzeit seine Interessen und Talente erkannt hat, die vor allem im kreativen Bereich und im Sport liegen. Nach der Schulzeit hat er sich neben seinem Zivildienst daher in einer Land-WG kreativ ausgelebt, Musik gemacht (Wolf Schmidt ist leidenschaftlicher Bassist) und gemalt. „Manchmal wünsche ich mir, mit einem anderen Bewusstsein diese Zeit noch mal erleben zu können“, sagt Wolf Schmidt über die Zeit der 80er. 

Nach dem Zivildienst absolvierte Schmidt ein Film-Studium und arbeitete anschließend in Agenturen. In den 90ern fing Wolf Schmidt mit 25 Jahren an, beim FC St. Pauli in der 3. Herren-Mannschaft zu spielen. Im Gespräch erzählt Schmidt, dass Sport schon immer eine große Rolle in seinem Leben gespielt hat. Dies zeigt sich auch darin, dass er – obwohl er Film studierte – mehr Fußballer als Regisseure kannte. Nachdem sich beruflich in der Film-Branche einige Änderungen ergaben, sagte Schmidt sich selbst, dass er nur noch Dinge tun möchte, die er wirklich gut findet. Gesagt, getan! 

Zum Ende seiner Zeit in der Film-Branche ergab sich ein Zufall, der Schmidts Lebenslauf bis heute geprägt hat. Während eines Spiels vom FC St. Pauli fing Schmidt im Stadion an, einem vor ihm stehenden Blinden das Spielgeschehen zu beschreiben. Wie es dazu kam, würde an dieser Stelle mehrere Zeilen füllen. In der Podcast-Folge gibt es alle Einzelheiten dazu. In Kurzform: Durch dieses zufällige Zusammentreffen entstand 2004 die Blindenreportage beim FC St. Pauli. Schmidt ist bis heute im Bereich Blindenreportage aktiv und für ihn zählt vor allem, dass auch Fans mit Sehbehinderung ein gleichberechtigtes Fan-Dasein ausleben können. 

Wolf Schmidt an der Bande eines Blindenfußballspielfeldes. Die Fotografie zeigt ihn aus der Rückenperspektive, aus seiner schwarzen Windjacke steht „Team barrierefrei“. Schmidt blickt leicht über die Spielfeldbande gelehnt nach rechts. Sein Mund ist geöffnet, er gibt Anweisungen. Auf dem Kopf trägt er ein braunes St. Pauli-Basecap. Im Hintergrund liegt ein Blindenfußball-Spielfeld mit grünem Kunstrasen. An der gegenüberliegenden Bandenseite sind verschwommen einige Zuschauerinnen und Zuschauer zu erahnen, Foto: Tomke Koop.
Engagiert an der Seitenlinie: Wolf Schmidt beim Blindenfußball. 1991 fing Schmidt beim FC St. Pauli in der 3. Herren an, aktiv Fußball zu spielen. Mit der Trainerausbildung begann er 2006 und trainierte anfangs das Mädchen-Team des SC Sternschanze, bevor er 2009 Blindenfußballtrainer in St. Pauli wurde, Foto: Tomke Koop.

Vom Kinder-Trainer zum Blindenfußball

Gleichzeitig fing Schmidt 2006 an, einen Trainer-Lehrgang und eine Ausbildung speziell zum Kinder-Trainer zu absolvieren, da er zu dieser Zeit anfing, die Fußball-Mannschaft seiner Tochter zu trainieren. Über sich selbst sagt er übrigens, dass er nie der beste Spieler war. Seine Stärke liegt vielmehr im räumlichen Denken – wie müssen z. B. einzelne Teammitglieder stehen, wie können Räume angelaufen werden und wie entsteht ein sicherndes Spiel. 2009 fehlte dann der Blindenfußball-Mannschaft von St. Pauli ein Trainer für den Besuch eines Turniers in Köln. Schmidt wurde angefragt und sagte zu: „Ich mache nur die Vorbereitung für das Turnier. Aber dann ist Feierabend.“ 

Doch dabei sollte es nicht bleiben. Das Training der Blindenfußballer machte Schmidt so viel Spaß, dass er bis heute sein Herzblut in diese Tätigkeit steckt. Dabei kommt ihm auch seine Ausbildung zum Kinder-Trainer zugute, denn die Inhalte kann er gut auf das Training adaptieren. Seitdem hat Schmidt den Blindenfußball stetig weiter vorangetrieben. Allerdings hätten sich mit der Zeit dadurch auch die Arbeitsfelder und die Intensität deutlich gesteigert – alles im Ehrenamt wohlgemerkt. Schmidt sieht das Problem, dass der Sport in einer professionalisierten Form von zu wenig Menschen mitgegangen wird. Für die Zukunft gebe es hier ein klares Handlungsfeld, sagt der gebürtige Hamburger: Den Blindenfußball in die Breite entwickeln und Nachwuchs finden, um den Sport auch weiterhin zu erhalten. Insgesamt ist Schmidt der Meinung, dass Leistung im Bereich Behinderung zu Unrecht unterrepräsentiert ist, es fände noch keine Gleichberechtigung statt und daran müsse gearbeitet werden. 

Wolf Schmidt gibt gerne sein Wissen weiter – und das nicht nur national, sondern auch international. Er war bereits in der Schweiz und in Kambodscha aktiv, wo der dabei half, Blindenfußball-Trainer auszubilden und auch dort das Thema in die Breite zu bringen und Menschen aus „ihren stigmatisierten Behindertenrollen zu befreien“, so Schmidt. 

Als nächstes geht es für die Mannschaft vom FC St. Pauli zum Bundesliga-Finale nach Magdeburg. Am 24. Oktober 2020 spielen sie um 15 Uhr gegen den MTV Stuttgart. Nach unserem Gespräch musste Schmidt übrigens direkt los zum Training, denn die Mannschaft bereitet sich intensiv vor. Für den FC St. Pauli ist es das vierte Ligafinale in Folge, wobei sich in den letzten zwei Jahren die gegnerische Mannschaft jeweils durchsetzte. Das Spiel kann um 15 Uhr im Livestream auf dem YouTube-Kanal des FC St. Pauli-Blindenfußball verfolgt werden. Wir wünschen allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern viel Erfolg!

Wolf Schmidt mit seiner Blindenfußballmannschaft am Rande eines Spielfeldes. Die Spielerinnen und Spieler sitzen auf einer Steinerhöhung, trinken aus Wasserflaschen und hören Schmidt zu. Der hockt vor ihnen und gibt Anweisungen. Schmidt trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „St. Pauli Blindenfußball“ und ein weißes Basecap, Foto: Florian Eib.
Jedes Jahr im Finale: In der Saison 2020 steht die Blindenfußballmannschaft des FC St. Pauli in der vierten Auflage zum vierten Mal im Ligafinale. 2017 wurde man Deutscher Meister. In den vergangenen zwei Jahren setzte sich jeweils der Finalgegner durch. Das diesjährige Finale findet am 24. Oktober in Magdeburg statt, Foto: Florian Eib.
Eine Spielszene aus einem Rollstuhl-Basketball-Spiel: Christoph Pisarz im roten Trikot dribbelt links neben sich einen Basketball. Auf der anderen Seite kommt ein Spieler im gelben Trikot herangefahren und stößt mit dem Rollstuhl gegen Christophs Rollstuhl, Foto: Florian Griep.

SICHTBAR-Podcast: Von Rollstuhl-Basketball und Liegebikes

Von Rollstuhl-Basketball und Liegebikes

SICHTBAR – Der Podcast mit Christoph Pisarz, einem echten „Macher“ in Sachen Inklusion. Christoph ist von Geburt an querschnittsgelähmt. Das hat seine Leidenschaft für intensives Sporttreiben allerdings nie getrübt. Wenn es nicht anders geht, dann muss es eben Rollstuhlsport sein. Engagiert in den Bereichen Inklusion und Barrierefreiheit spricht Christoph Pisarz auch über seine Arbeit als Dozent für soziale Arbeit und Heilpädagogik in Berlin und darüber, warum Barrierefreiheit niemals zu 100% klappen kann, vielleicht aber zu 99.

Eine Spielszene aus einem Rollstuhl-Basketball-Spiel: Christoph Pisarz im roten Trikot dribbelt links neben sich einen Basketball. Auf der anderen Seite kommt ein Spieler im gelben Trikot herangefahren und stößt mit dem Rollstuhl gegen Christophs Rollstuhl, Foto: Florian Griep.
Jahrelange Leidenschaft: Christoph Pisarz spielte zuerst für Alba Berlin, später für Pfeffersport e. V. Rollstuhl-Basketball, Foto: Florian Griep.

  • Transkript (PDF) – Folge: „Von Rollstuhl-Basketball und Liegebikes“

„Rollstuhl-Basketball war schon Inklusion, bevor es das Wort gab“

Rollstuhl-Basketball ist eine Sportart, die wie einige andere Inklusions-Sportarten auch nach dem zweiten Weltkrieg entstand – natürlich in den USA. Damals wollten Kriegsversehrte ihrem Lieblingssport weiter nachgehen und erfanden das Spiel, das extrem viele Ähnlichkeiten zum Basketball für Gehende hat. Die Korbhöhe ist dieselbe, es gibt exakt gleiche Punktwürfe und eine ähnliche Dribbeltechnik. Das Beste ist allerdings, dass auch Fußgänger beim Rollstuhl-Basketball mitspielen können. Sie müssen sich ja einfach nur mit hinsetzen und schon haben alle dieselben Voraussetzungen. Das war schon immer so. Deshalb hat Christoph Pisarz auch Recht, wenn er sagt: „Rollstuhl-Basketball war schon Inklusion, bevor es das Wort überhaupt gab.“ Mittlerweile ist Christoph nicht mehr als aktiver Spieler auf dem Feld, engagiert sich aber bei Pfeffersport e. V. als Coach und gibt so seine Erfahrungen weiter. Doch mit Bewegung ist nicht Schluss, denn sportlich ist Christoph nun im Liegebike aktiv.

Christoph Pisarz mit mehreren anderen Rollstuhlfahrern in einer Trainingshalle. Er sitzt in der Mitte der anderen, hat eine Magnettafel in Form eines Basketball-Feldes auf dem Schoß und blickt zu den anderen. Einige von ihnen trinken aus Flaschen, Foto: Pfeffersport e. V.
Seine umfangreiche Sporterfahrung gibt Christoph Pisarz auch gerne als Trainer weiter, Foto: Pfeffersport e. V.

Sport für alle – hier wird Inklusion breit gedacht

Menschen wie Christoph Pisarz sind wichtige Vermittler. Mit seiner Energie und Lebensfreude motiviert er andere, sich dem Thema „Menschen mit Behinderung“ zu nähern. Eng damit verbunden ist der Begriff Inklusion, der heute auch noch häufig missverstanden wird. Wichtiger als über Definitionen zu streiten ist allerdings die gesellschaftliche Haltung. Sport kann dabei eine entscheidende Rolle spielen. Denn Sport verbindet durch Emotionen und gemeinsame Erfolge.

Deshalb arbeitet Christoph Pisarz beim Verein Pfeffersport e. V. mit. „Pfeffersport ist ein Freizeit- und Breitensportverein, in dem alle Altersklassen, alle sozialen Schichten, Menschen mit und ohne Handicaps miteinander Sport machen.“ So steht es im Leitbild des Vereins. Christoph Pisarz erklärt hierzu: „Damit ist gemeint, dass Jeder und Jede im Sportverein und bei den Sportangeboten mitmachen kann und soll. Der Schwerpunkt bei uns liegt insbesondere auf jenen, die aus verschiedenen Gründen ausgegrenzt sind und weniger Zugang zu sportlichen Aktivitäten haben, wie Mädchen oder Geflüchtete, und Menschen mit Migrationshintergrund und Behinderung.“

Ein Foto zeigt Christoph Pisarz in einem Liegebike. Neben ihm ein weiterer Fahrer. Beide haben Helme auf und liegen flach, knapp über dem Boden in einem dreirädrigen aerodynamisch geformten Gefährt. In Höhe der Hände ist eine Handkurbel angebracht, über deren Drehen man sich fortbewegen kann, Foto: André Dounia.
Neue Leidenschaft: Nach dem Rollstuhl-Basketball kommt der Rollstuhl-Rennsport. Liegebikes bieten hierfür die optimale Aerodynamik, Foto: André Dounia.

Einen ganz persönlichen Erfolg hat Christoph erst kürzlich gefeiert, als er sein erstes 100 Kilometer Straßenrennen mit dem Liegebike absolvierte. Und das in einer Zeit von vier Stunden. Ganz schön schnell mag man meinen. Aber nicht schnell genug für den motivierten Berliner. „Ich trainiere erst seit ein paar Monaten. Mein Schnitt von 25 Kilometern pro Stunde soll längerfristig auf 30 Kilometer und höher steigen“. Wir wünschen: allseits gute Fahrt!

Blind sein – Mandy Hamann sitzt in einer meerblauen Bluse auf einer Bank. Dahinter ragen grüne Pflanzen empor. Hamann lächelt in die Kamera. Mit beiden Händen berührt sie ein aufgeschlagenes Braille-Buch auf ihrem Schoß, Fotorechte: Mandy Hamann.

SICHTBAR-Podcast: Was bedeutet es, blind zu sein?

Was bedeutet es, blind zu sein?

Dass sich blinde Personen in der Welt der Sehenden zurechtfinden müssen, ist ganz alltäglich; umgekehrt ist das eher selten der Fall. Es gibt wenige Orte, an denen Sehende einen Einblick in die Welt der Blinden bekommen. Ein solcher Ort ist das Blindenmuseum in Berlin-Steglitz. In dieser Folge von SICHTBAR – Der Podcast spricht Gästeführerin Mandy Hamann mit unserem Autor Constantin Sträter. Für ihn ist es das erste persönliche Treffen mit einer blinden Person. In einem authentischen Gespräch gibt Mandy Hamann einen offenen und ehrlichen Einblick, was blind sein bedeutet.

Das Deutsche Blindenmuseum Berlin-Steglitz in der Außenansicht. Ein Eisentor führt auf das Gelände auf dem ein dreistöckiges Backsteinhaus mit Bogenfenstern führt. Vor dem Haus steht eine junge Weide, Copyright Wikimedia Common, Foto: Muns.
Ein Ort des Kennenlernens im Südweste von Berlin. Das Deutsche Blinden-Museum Steglitz.
Copyright Wikimedia Common, Foto: Muns.

  • Transkript (PDF) – Folge: „Was bedeutet es, blind zu sein?“

Einblick in die Welt von Blinden

Das Blinden-Museum Steglitz wurde bereits 1890 gegründet. Es überlebte in seiner bewegenden Geschichte zwei Weltkriege, mehrere Schließungen und Umbenennungen. Seit 2005 begrüßt es unter dem aktuellen Namen mehrere tausend Interessierte jährlich.
Den oft auch jungen Gästen werden auf ca. 100 Quadratmetern Exponate gezeigt, die über den Alltag und die technischen Hilfsangebote für Blinde und Sehbehinderte informieren. Und die außerdem zum Mitmachen einladen. Zum Beispiel ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel für Blinde. 

Eine aktuelle Dauer-Ausstellung ist dem Erfinder der Blindenschrift Louis Braille gewidmet. Das Blinden-Museum Steglitz befindet sich in der Rothenburgstraße 14 in 12165 Berlin. Es liegt neben einer Blinden- und Berufsfachschule und dem Hauptsitz des Blindenhilfswerks Berlin e. V. Während der Corona-Pandemie ist das Museum geschlossen. Regulär ist es immer am Mittwoch von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Eine kostenlose Führung gibt es immer am 1. Sonntag im Monat. Gruppenführungen sind nach Anmeldung möglich. Der Eintritt ist frei, eine Spende ist natürlich willkommen.

„Sie sind als Blinder auf Kontaktfreudigkeit angewiesen“

Blind sein – Mandy Hamann sitzt in einer meerblauen Bluse auf einer Bank. Dahinter ragen grüne Pflanzen empor. Hamann lächelt in die Kamera. Mit beiden Händen berührt sie ein aufgeschlagenes Braille-Buch auf ihrem Schoß, Fotorechte: Mandy Hamann.
Mandy Hamann ist ein lebensfroher Mensch. Sie spricht sehr offen über ihre Sehbehinderung. Auch, um mehr Aufmerksamkeit für das Thema „Blindheit“ in der Gesellschaft zu erzeugen, Fotorechte: Mandy Hamann.

Unsere Gesprächspartnerin Mandy Hamann ist 1974 in der DDR geboren und als Frühgeburt im Brutkasten teilerblindet. Im Alter von 15 Jahren schritt diese Erblindung aufgrund einer nicht erkannten Netzhautablösung voran.  Nach dem Besuch einer Blindenschule und eines Internats machte sie eine Facharbeiter-Ausbildung zur Telefonistin und für Schreibtechnik, bevor sie für 14 Jahre beim Finanzamt in Fürstenwalde arbeitete. 

Mandy Hamann spricht heute nicht nur häufig und sehr offen über ihr Leben mit Sehbehinderung, sondern ist auch „glückliche Mutter“ und in vielen Interessengruppen aktiv. Etwa dem „Arbeitskreis für Verkehr, Umwelt und Mobilität“ (ABSV), einer Eltern-Kind-Gruppe und dem „Arbeitskreis Kultur und Freizeit“ (AKF). Sie leitet außerdem Workshops, etwa für Fahrgastbegleiter beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB).

Blindenfliegen: Ein Farbfoto von Bernd Koop und seinen zwei Fluggästen Birgit und Georg, die um den Motor des roten Tragschraubers stehen. Am Motor sind drei schwarze Rotorblätter befestigt, die den Tragschrauber in der Luft nach vorne schieben. Birgit tastet eines der Rotorblätter mit einer Hand ab. Foto: Tomke Koop

SICHTBAR-Podcast: Blindenfliegen – Durch die Luft mit anderen Sinnen

Blindenfliegen – Durch die Luft mit anderen Sinnen

In dieser Folge von SICHTBAR – Der Podcast begleiten Tomke Koop und Florian Eib den Tragschrauber-Piloten Bernd Koop von der Flugschule des Nordens in Lübeck. „Jeden, der es zum Flughafen schafft, bekomme ich auch in die Luft“, sagt er. Bernd Koop hat schon über 500 Gästen Lübeck und die Ostsee von oben gezeigt. Seit einigen Jahren bietet er auch das Blindenfliegen an. Was es damit auf sich hat, zeigen wir in dieser Podcast-Folge.

Blindenfliegen: Ein Farbfoto zeigt Bernd Koop auf dem Flughafen Lübeck. Er steht neben seinem roten Tragschrauber. Der Tragschrauber ist ein offenes Fluggerät mit zwei hintereinanderliegenden Sitzen. Ähnlich wie ein Hubschrauber hat der Tragschrauber einen großen Rotor mit zwei langen Rotorblättern. Foto: Florian Eib.
Seit 21 Jahren fast täglich in der Luft: Bernd Koop ist dem Fliegen verfallen. Seit einigen Jahren hat er auch eine eigene Flugschule, in der er seine langjährigen Erfahrungen, sein Wissen und seine Leidenschaft an andere Menschen weitergibt. Foto: Florian Eib.

  • Transkript (PDF) – Folge 2: „Blindflug?! – Durch die Luft mit anderen Sinnen“

Das Cabriolet der Lüfte

Fliegen ist seit 21 Jahren Bernd Koops Leidenschaft. Dabei hat er verschiedene Arten des Fliegens ausprobiert, zum Beispiel Gleitschirm- und Motorschirmfliegen. Vor 15 Jahren absolvierte Bernd Koop dann die Ausbildung zum Tragschrauber-Piloten. Seitdem ließ ihn dieses Cabriolet der Lüfte nicht mehr los. Der Pilot bietet nicht nur Rundflüge über Lübeck und die Ostsee an, sondern hat seit mittlerweile vier Jahren auch eine eigene Flugschule. Dabei fliegt er, wenn das Wetter es zulässt, 365 Tage im Jahr mit seinem roten Tragschrauber. Das Besondere: Der Tragschrauber ist oben und an den Seiten offen. So kann der Fahrtwind besonders gut gespürt und Gerüche von unten wahrgenommen werden. „Am schönsten ist es im Frühjahr zur Rapsblüte. Wenn die Sonne scheint, kommt der Duft auch bei uns oben an. Das macht richtig Spaß“, schwärmt Bernd Koop.

Fliegen für alle: Blindenfliegen in Lübeck

Blindenfliegen: Ein Farbfoto von Bernd Koop und seinen zwei Fluggästen Birgit und Georg, die um den Motor des roten Tragschraubers stehen. Am Motor sind drei schwarze Rotorblätter befestigt, die den Tragschrauber in der Luft nach vorne schieben. Birgit tastet eines der Rotorblätter mit einer Hand ab. Foto: Tomke Koop
Über die Jahre hat Bernd Koop schon viele verschiedene Fluggäste mit in die Luft genommen. Das Fliegen mit blinden und sehbehinderten Menschen macht ihm besonders viel Spaß. Vor jedem Flug erklärt Bernd Koop die Funktionsweise des Tragschraubers und die die Fluggäste dürfen den Tragschrauber ausgiebig ertasten. Foto: Tomke Koop

Im Laufe seiner Piloten-Laufbahn hat Bernd Koop schon viel erlebt und sucht immer wieder neue, spannende Erlebnisse. Vor fünf Jahren erhielt er einen Anruf, ob er auch eine blinde Person mitnehmen würde. „Das war für mich anfangs auch ein bisschen komisch“, erinnert sich Bernd Koop. „Zuerst habe ich überlegt, wie spreche ich mit der Person? Da habe ich mir zwei Tage vorher richtig Gedanken gemacht. Hinterher hat sich herausgestellt, das war alles Quatsch.“ Bernd Koop merkte schnell, dass blinde und sehbehinderte Menschen ein besonderes Gefühl für den Tragschrauber haben. „Auf Ansage, was sie machen sollen, können Sie eigentlich wunderbar fliegen.“

Mit der Zeit hat es sich herumgesprochen, dass Bernd Koop auch mit blinden und sehbehinderten Menschen fliegt. Mittlerweile hat er rund 100 sehbehinderte Fluggäste mitgenommen und verschiedene Events organisiert, bei denen ganze Gruppen zum Flughafen gekommen sind und einen Tag lang das Blindenfliegen erleben konnten.

SICHTBAR live vom Flughafen Lübeck

Am Flughafen Lübeck treffen wir in dieser Folge nicht nur den Piloten Bernd Koop, sondern auch die beiden Fluggäste Birgit und Georg aus Kassel. Beide haben eine Sehbehinderung und sind auf das Blindenfliegen in Lübeck aufmerksam geworden. Da sie ohnehin eine Woche Urlaub im AURA-Hotel Timmendorfer Strand machen, lässt sich das Fliegen damit gut verbinden. Mit der Bahn ist der Flughafen Lübeck nur rund 40 Minuten entfernt. Gesagt, getan: Bei bestem Wetter begrüßen wir Birgit und Georg an der Bahnstation und laufen kurzerhand auf den Flughafen zu. Dort wartet Bernd Koop schon auf seine beiden Gäste und erklärt zunächst den Ablauf des Rundflugs und die Funktionsweise seines Tragschraubers – natürlich inklusive Tastführung.
Mit winddichtem Fluganzug und Helm mit Headset geht es anschließend in die Luft. Über die Altstadt von Lübeck, an die Ostsee, über den Wald und Richtung Mecklenburg-Vorpommern. „Man kriegt wirklich viel mit vom Fliegen! Dadurch, dass man den Fahrtwind die ganze Zeit spürt und merkt, wie sich der Tragschrauber bewegt, wenn selbst den Steuerknüppel nach links oder rechts schiebt. Das ist schon klasse!“, sagt Birgit nach ihrem Rundflug. Auch Georg steigt ganz beseelt wieder aus dem Flieger aus. Zu den rund 100 sehbehinderten Fluggästen sind für Bernd Koop nun zwei weitere hinzugekommen. Für ihn ist klar: Auch Menschen mit Sehbehinderung können das Fliegen erlernen. Dafür möchte er bald ein Projekt starten.

Eine Fotografie: Hermann Dremel steht an einem Aufsteller mit dem Aufdruck atz Hörmedien für Sehbehinderte und Blinde. Er trägt ein gelbes T-Shirt mit demselben Aufdruck. Neben Hermann Dremel stehen ein Mann und eine Frau mit dunklen Brillen. Hermann spricht zu den beiden. Alle stehen im Eingangsbereich eines weißen Zeltes, wie es zu Festen eingesetzt werden kann. Im Zelt befinden sich Stühle und Tische an denen andere Menschen sitzen, Foto: atz Hörmedien.

SICHTBAR-Podcast: Hörmedien – eine Zeitreise mit Hermann Dremel

Hörmedien im Wandel der Zeit

In dieser Folge von SICHTBAR – Der Podcast spricht Florian Eib mit Hermann Dremel, dem langjährigen Geschäftsführer der atz Hörmedien aus Holzminden. „Die Bedürfnisse sehbehinderter und blinder Menschen führen in unserer Gesellschaft ein Schattendasein“, sagt er. Und er muss es wissen, denn er arbeitet seit über 45 Jahren im Bereich Hör-Zeitungen, die in den 70ern zu einer der wichtigsten Informationsquellen für viele Menschen mit Sehbehinderung oder Leseeinschränkung wurden.

Eine Fotografie: Hermann Dremel steht an einem Aufsteller mit dem Aufdruck atz Hörmedien für Sehbehinderte und Blinde. Er trägt ein gelbes T-Shirt mit demselben Aufdruck. Neben Hermann Dremel stehen ein Mann und eine Frau mit dunklen Brillen. Hermann spricht zu den beiden. Alle stehen im Eingangsbereich eines weißen Zeltes, wie es zu Festen eingesetzt werden kann. Im Zelt befinden sich Stühle und Tische an denen andere Menschen sitzen, Foto: atz Hörmedien.
Ein Mann für alle Fälle: Hermann Dremel war als Geschäftsführer der atz Hörmedien nicht nur Sprecher von Hör-Zeitungen, sondern auch Redakteur, IT-Spezialist, Vertriebsleiter und Ansprechpartner rund um das Thema Sehbehinderung, Foto: atz Hörmedien.

  • Transkript (PDF) – Folge 1: „Hörmedien im Wandel der Zeit – Ein Gespräch mit Hermann Dremel“

Hintergrund: Die atz Hörmedien aus Holzminden

Wie viele Hörerinnen und Hörer die atz Hörmedien in ihrer über 40-jährigen Erfolgsgeschichte mit Informationen versorgt haben, das kann heute niemand mehr messen. Klar ist aber, dass es mehrere zehntausend sein dürften. Zu Hochzeiten vertrieb die kleine Zentrale der atz Hörmedien in Holzminden etwa 70 regionale und überregionale Tages- und Wochenzeitungen. Und das mit selten mehr als einer handvoll festen Mitarbeitern. Heute sind es immer noch ca. 50 Titel. Hermann Dremel wurde 1979 Geschäftsführer der atz. Dadurch, dass sich der gemeinnützige Verein fast zeitgleich einen Zivildienstleistenden leisten konnte, wurde das Hör-Zeitungsangebot in den kommenden Jahren stets erweitert.

„Wenn sich zehn Leute finden, fangen wir an.“

Eine Schwarzweißaufnahme zeigt zwei Personen an einem Tisch mit vielen Kassetten und Tonbändern darauf. Eine Person ist Hans-Dieter Sailer, den Wegbereiter der atz Hörmedien. Er trägt Anzug und Schlips und eine dunkle Brille. Sailer tastet an mehreren ausgepackten Kassetten. Neben ihm steht eine jüngere Frau mit Brille. Sie beobachtet ihn und hat ein eingepacktes Spulentonband in der Hand. Im Hintergrund steht ein offener Schrank mit Ordnern und weiteren zahlreichen Tonbandspulen darin, Foto: atz Hörmedien.
Ein Blick in die Geschichte der Hörmedien: Hans-Dieter Seiler ist der Begründer lokaler Hör-Zeitungen im Großraum Holzminden. Hier ertastet der blinde Hans-Dieter Seiler Kassetten und Tonbänder auf denen ausgesprochene Zeitungsartikel zu hören sind, Fotorechte: Archiv atz Hörmedien.

Es muss um 1970 gewesen sein, als Hans-Dieter Seiler, – damaliger Blindenvereins-Vorsitzender in Holzminden – die Idee für eine informative Hör-Zeitung hatte. Lokaler Hörfunk war zu dieser Zeit noch nicht allgegenwärtig. Für sehbehinderte und blinde Menschen, die wenig Unterstützung von sehenden „Vorlesern“ hatten, war es schwer, an Informationen zu kommen. Computer oder Smartphone zu benutzen, so wie es heute üblich ist, war damals überhaupt nicht denkbar. 
Also fragte Hans-Dieter Seiler bei Bekannten und Freunden, auch Sehbehinderten an, ob Interesse an einer lokalen Hörzeitung bestehen würde. Die Voraussetzung war, dass sich mindestens zehn regelmäßige Hörerinnen und Hörer finden. Sie fanden sich und die erste Hör-Zeitungsausgabe las die Frau von Hans-Dieter Seiler. Die Idee für lokale Hör-Zeitungen auf Tonband, später auf Kassette, passte in die damalige Zeit und so entstanden innerhalb weniger Jahre weitere örtliche Initiativen. Unter anderem auch in Göttingen, wodurch Hermann Dremel seinen Weg zu den später gegründeten atz Hörmedien fand.

Über 400 Ehrenamtliche helfen mit

Mittlerweile über 40 Jahre hat Hermann Dremel als Geschäftsführer der atz Hörmedien Hör-Zeitungen für sehbehinderte und blinde Menschen produziert. Natürlich nicht alleine, sondern mit einem Team aus einigen Festangestellten und heute etwa 400 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Damals wie heute sprechen sie Texte für Menschen mit einer Seh- oder Leseeinschränkung ein. Zumeist haben sich hierbei lokale Gruppen zusammengeschlossen, die häufig auch schon über viele Jahrzehnte bestehen – Redakteure, Sprecher, Tontechniker. In der Entstehungszeit der atz Hörmedien war es wiederum Hermann Dremel, der wie er selbst sagt „über die Dörfer“ gezogen ist und diese regionalen Arbeitsgruppen ins Leben gerufen hat. Noch heute pflegen die atz Hörmedien dieses Netzwerk. Sie sind technischer sowie redaktioneller Ansprechpartner und vertreiben die Hör-Zeitungen aus vielen Teilen Deutschlands.

„Einfach aufhören, das könnte ich nicht“

Hermann Dremel hat dieses umfangreiche Netzwerk für ehrenamtliches Engagement nicht nur aufgebaut. Er hat als langjähriger Geschäftsführer der atz Hörmedien das, was wir heute unter Barrierefreiheit und Inklusion verstehen, praktisch umgesetzt. Damit hat er einen großen gesellschaftlichen Beitrag rund um die Themen Hörmedien und das Informationsbedürfnis sehbehinderter und blinder Menschen geleistet. Im Juli ist Hermann Dremel aus seiner hauptamtlichen Tätigkeit bei den atz Hörmedien in den Ruhestand verabschiedet worden. Während zeitgleich die atz-Zentrale nach Münster in die Räume der Westdeutschen Blindenhörbücherei umgezogen ist. Alles kein Grund allerdings für Hermann Dremel, nicht auch weiter seiner Leidenschaft – dem redaktionellen und sprecherischen Arbeiten an Hör-Zeitungen – nachzugehen. Nur eben etwas weniger. Aber „einfach aufhören, das könnte ich nicht“, sagt er – verständlicherweise. Denn Hör-Zeitungen waren und sind gewissermaßen sein Leben.

Ein Portraitfoto zeigt Hermann Dremel neben einem Mikrofon. Hermann schaut über den Rand seiner Lesebrille in die Kamera, Foto: atz Hörmedien.
Weit über 40 Jahre am Mikrofon: Hermann Dremel ist leidenschaftlicher Sprecher und Hör-Zeitungsredakteur. Das gilt natürlich auch, nachdem er im Juli den Ruhestand eingetreten ist, Foto: atz Hörmedien.