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Comiclesung mit Audiodeskription: Auf einem Foto sitzen Dominik Wendland und Florian Eib nebeneinander auf einer Bühne. Sie blicken in Laptops und sprechen in Mikrofone. Im Hintergrund sind an einer weißen Wand Auszüge des Comics projiziert, Foto: HörMal Audiodeskription.
Eine einmalige Veranstaltung im Dezember 2025. Unsere erste Comiclesung mit Audiodeskription, die für alle Gäste hörbar war, Foto: HörMal Audiodeskription.

Comiclesung mit Audiodeskription

Wie kann man ein Comic für sehbehinderte oder blinde Menschen zugänglich machen? Mit dieser Frage sind das Literaturhaus Stuttgart und die Berthold Leibinger Stiftung im vergangenen Jahr an uns herangetreten. Wir durften unseren Beitrag in Form einer literarischen Audiodeskription leisten und diese in einer noch nie dagewesenen Form live präsentieren.
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„Immer alles anders“

Wie lebt es sich mit ständig wechselnden Situationen und Erwartungen anderer? Die Hauptperson in „Immer alles anders“ erlebt genau das, was wohl täglich jedem und jeder so oder so ähnlich passiert. Dominik Wendland hat diese Geschichte aus einem persönlichen Gefühl heraus entwickelt und eine Figur erschaffen, die je nach Umstand Farbe, Form oder auch das Geschlecht wechseln kann.

Eine Comiczeichnung: Ein runder offener Raum mit mehreren Ebenen und fidelen Menschen. Eine Person fliegt aus der Öffnung einer geschwungenen Rutsche, eine andere zockt an einem Casino-Automaten. Eine Person lässt Drachen steigen. Wieder andere Tischkickern. In einer Gondel an einer Seilkonstruktion sitzen zwei mit Tablet und Laptop. Auf einem Leuchtreklameschild steht in Schreibschrift: Flexibility is key. Getränke und Snack-Automaten sind gefüllt. Zahlreiche Grünpflanzen sorgen für eine angenehme Atmosphäre, Rechte: Dominik Wendland.
Bunt und detailverliebt. Dominik Wendlands Stil ist unverkennbar, Rechte: Dominik Wendland.

Zwei Aspekte spielten in der Konzeption eine Rolle: „Auf der einen Seite glaube ich, dass Persönlichkeitsentwicklung im besten Fall nie abgeschlossen ist – das ist etwas Schönes und etwas Gutes. Auf der anderen Seite gibt es auch stark von der Gesellschaft vorgegebene Räume, die Grenzen auferlegen“, so Wendland. „Dieses Spannungsfeld auszuloten, darum ging es mir auch in der Geschichte.“

Die ständige Veränderung der Figur und die teilweise abstrakte Darstellung waren für die Comiclesung mit Audiodeskription eine besondere Herausforderung. Wenn auch die Machart der Zeichnungen, die Dominik vorgelegt hat, beim Autor Florian Eib eine assoziative Sprache provoziert hat: „Es gab bei der Ausarbeitung der Audiodeskription immer wieder Momente, in denen ich bemerkt habe, wie passend Sprache sein kann. Es kommt zum Beispiel ein Kantiger vor, der vom Charakter kantig und auch so gezeichnet ist. Treffender kann eine Beschreibung nicht sein. Solche Momente konnten wir immer wieder herausarbeiten. Die gesamte Audiodeskription ist von Sprachspielereien auf Grundlage der Zeichnungen von Dominik durchzogen, wodurch sich meiner Meinung nach eine ganz eigene literarische Form der Audiodeskription entwickelt hat.“ 

Lesung wird zur Live-Performance

Comiclesung mit Audiodeskription: Ein Foto der Veranstaltung mit Gästen, die in Richtung einer kleinen Eckbühne blicken auf der Dominik Wendland und Florian Eib gerade sprechen. Im Vordergrund ragt die Ecke einer Vitrine ins Bild, in der sich Tastobjekte der Ausstellung befinden, Foto: Sebastian Wenzel.
Volles Haus zu beiden Veranstaltungen – sowohl am Vormittags, als auch am Abend, Foto: Sebastian Wenzel.

Hinzu kam, dass die Audiodeskription im Rahmen der Premierenveranstaltung im Literaturhaus Stuttgart laut und für alle hörbar gesprochen wurde. So entstand eine völlig neue Art von Comiclesung, die eher eine Live-Performance zweier Sprechender war.

In Vorbereitung auf die Lesung haben Dominik und Florian sich mehrfach zum Proben verabredet. Ziel war es, sauber abgestimmte Sprechübergänge zu finden und so ein eindrückliches Hörerlebnis zu schaffen. Zusätzlich eingespielte Sounds erzeugten eine weitere auditive Ebene. Diese Lesung wurde damit zu einem unserer interessantesten Projekte überhaupt. Ausschnitte verschiedener Szenen könnt ihr in unserer Podcastfolge nachhören.

Multisensorische Ausstellung als Ergänzung

Ein Foto zeigt eine Tonfigur auf einem Sockel. Sie hat einen schmalen Körper und eine kantige Nase und ist nach vorn gebeugt. Mit überlangen Armen und übergroßen Händen stützt sie sich am Boden ab, Foto: HörMal Audiodeskription.
Abstrakte Figuren sind kaum in Worte zu fassen. Deshalb bietet es sich an, hierfür Tastobjekte herzustellen. In diesem Fall hat Dominik Wendland sie selbst aus Ton entworfen, Foto: HörMal Audiodeskription.

Zum gesamten Projekt gehört jedoch nicht nur die Comiclesung mit Audiodeskription. Einen großen Stellenwert hat auch eine eigens konzipierte Begleitausstellung. 

Ein Foto zeigt Matthias Nagel mit Gegenständen der Ausstellung. Einem übergroßen Stiefel aus Ton und einem riesigen orangefarbenen Sakko. Im Hintergrund an einer Wand hängen übergroße gezeichnete Bilder des Comics, Foto: HörMal Audiodeskription.
Matthias Nagel, Lilian Contzen und Dominik Wendland führten durch die Begleitausstellung, Foto: HörMal Audiodeskription.

Hierbei hat ein ganzes Team zusammengearbeitet. Maßgeblich beteiligt waren die Kulturvermittlerin Lilian Contzen und Matthias Nagel (Experte für Inklusion im Kunst- und Kulturbereich).
„Nachdem wir uns den Comic von Dominik Wendland angeschaut hatten, sind wir aufgrund der abstrakten Figur sehr schnell zu dem Schluss gekommen, dass es hier noch eine andere Vermittlungsebene braucht“, berichtet Nagel.

Die besondere Idee: Natürlich darf eine Tastführung nicht fehlen, aber auch Sounds und sogar der Geschmackssinn sollten einbezogen werden. In Abstimmung hat Dominik Wendland selbst Tonobjekte der Comic-Figur kreiert. So wurden verschiedene Szenen aus dem Comic zum Leben erweckt.

Als Fokusgruppe wurden sehbehinderte Schüler*innen der Nikolauspflege einbezogen, die ihre Ideen und Wünsche einbringen konnten.

Die Ausstellung ist von Juni bis September 2026 im Literarischen Colloquium Berlin zu sehen. Zur Ausstellungseröffnung am 2. Juni wird es live eine weitere Aufführung der Comiclesung mit Audiodeskription geben. Der Eintritt ist frei, alle Interessierten sind herzlich eingeladen.


Wir sprechen in unserem Podcast „SICHTBAR“ mit Menschen über Inklusion und Barrierefreiheit. Wir porträtieren Menschen mit Behinderung, weil wir mehr über ihr Leben, die Schwierigkeiten, aber vor allem auch die Möglichkeiten wissen möchten. Dabei sind wir jederzeit auch offen für Feedback zu neuen Interview-Gästen. Schreibt uns euer Feedback und Vorschläge gerne per Mail an sichtbar@hoermal-audio.org. SICHTBAR – Der Podcast wird von HörMal Audiodeskription in Kooperation mit dzb lesen herausgegeben.